Das verlorene Schaf schreibt und spricht

„Wir alle irrten umher wie Schafe, die sich verlaufen haben, jeder ging seinen eigenen Weg. Der Herr lud alle unsere Schuld auf ihn.“ Jesaja 53; 6

Ich rannte vor meinem eigenen Spiegelbild davon.

Genau das tat ich mein ganzes Leben lang – weglaufen. Ich liebte es mein eigenes Ding zu machen. Ich wollte auf niemanden angewiesen sein und einfach eine unabhängige Frau sein. Schliesslich gehört das zum guten Ton der heutigen Zeit. Das gelang mir auch, zumindest eine Zeit lang. Was ich aber dabei nicht bemerkte war, dass ich mich schleichend veränderte. Irgendwann kam der Tag, wo ich morgens in den Spiegel blickte und mich selbst nicht mehr erkannte. Was mir entgegenblickte war nur noch ein Schatten meiner selbst. Eine leere Hülle, die nicht einmal mehr wusste, ob sie überhaupt noch lebte. Für einen kurzen Moment starrte ich das bleiche Phantom im Spiegel an. Plötzlich spürte ich den Impuls zu schreien. Doch ich unterdrückte ihn – ich lief vor meinem eigenen Spiegelbild davon. Kennt ihr das, wenn ihr den Anblick eures eigenen Ichs nicht mehr ertragen könnt? Wenn ihr genau das Gegenteil von dem geworden seid, was ihr nie seien wolltet?

In diesem Stil ging es dann noch vier Jahre weiter. Ich lief auf dem Zahnfleisch, konnte keine Nacht mehr durchschlafen und war ständig auf der Hut vor allem und jedem. Ich verlor nach und nach meine beruflichen Kompetenzen. Irgendwann übertrug es sich dann auch auf mein Privatleben. Am Ende war ich nicht einmal mehr in der Lage, mir ohne zittrige Hände Kaffee nachzugiessen. Eines Tages kam ich von der Arbeit nach Hause und machte das Licht im Flur an. Ich bückte mich hinab, um die Schnürsenkel zu öffnen und plötzlich viel ich vornüber. Ich wollte aufstehen, doch es war, als ob meine ganze Kraft auf einmal aus meinem Körper gewichen wäre. Wie ein Häufchen Elend kauerte ich auf dem kalten Fussboden. Auf einmal glaubte ich weit entfernt einen verzweifelten Schrei zu hören, mein eigener. Damals dachte ich noch, dass das der eine Moment gewesen wäre, der meine Leben für immer verändert hätte. Doch es war nur der Anfang – meine ersten persönlichen Geburtswehen (Matthäus 24; 8).

Er fand und rettet mich

Sieben Monate waren seit meinem Nervenzusammenbruch vergangen. Körperlich war ich längst wieder stabil. Doch innerlich fühlte ich mich verloren und nirgendwo mehr zugehörig. Meine Karriere war buchstäblich nicht mehr existent, noch wäre ich in der Lage gewesen, da wieder anzuknüpfen. Materiell gesehen hatte es mich auch hart getroffen. Denn ich besass für Schweizer Verhältnisse kaum mehr etwas. Selbst meine Wohnung musste ich aufgeben. Am Ende sass ich nun da und war innerlich, wie auch äusserlich, komplett zerstört und gebrochen. Meine Psychiaterin ermutigte mich immer wieder für einen Neuanfang. Schliesslich war ich mit Mitte Dreissig noch jung genug, um die Weichen neu zu stellen. Doch ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Verzweifelt holte ich mir Rat bei den buddhistischen Mönchen im Tempel, wo ich seit achtzehn Jahren ein und aus ging. Doch nichts half. Egal was ich tat oder versuchte, irgendetwas schien zu fehlen. In dieser Zeitspanne meditierte ich viel. Ich hoffte das ich auf diese Weise wenigstens irgendwann eine Eingebung bekommen würde, was genau ich nun mit meinem armseligen Leben noch anfangen sollte. Doch die Lage spitzte sich nur noch mehr zu. Selbstmordgedanken zerfrassen mich. Ich begann auch aktiv darüber nachzudenken, wie ich es wohl am besten anstellen würde, mir das Leben zu nehmen.

In diesem Gefühlschaos meditierte ich eines Abends wieder allein zu Hause. Ich sass aufrecht auf der Bettkante und befand mich innerlich in meinem imaginären Meditationsgarten. Jahrelang ist in diesem ruhigen, tropischen Garten nichts besonders passiert. Ich sass im Schneidersitzt direkt vor dem kleinen Bachlauf und hörte den Vögeln zu. Plötzlich öffnete sich das Gartentor. Erstaunt stand ich auf, denn das war höchst ungewöhnlich. Mit festem Blick fokussierte ich das Eingangstor. Plötzlich erstarrte ich, Schweissperlen bildeten sich auf meiner Stirn und meine Beine wurden weich und liessen nach. Ich fiel vornüber – schon wieder. Mein Puls raste und mein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. Während ich auf dem Boden kauerte und sich meine Hände hilfesuchend um Grasbüschel klammerten, schossen tausende Gedanken durch meinen Kopf. «Das ist nicht möglich? Nein, das ist ein Traum. Es kann nicht Jesus sein? Oder doch? Und wenn ja, was will er hier? Ich gehöre zu Buddha und weiss kaum etwas über das Christentum. Nein, es kann nicht Jesus sein.» Doch in dem Moment hörte ich seine sanfte Stimme, die sprach:» Hallo Fabienne, schön, dass ich dich endlich gefunden haben. Schau mich an.» Ich hatte die Augen mittlerweile fest zugekniffen. Meine Wirbelsäule schien fast in zwei Teile zu brechen, ab dieser extremen Energie, die von ihm ausging. Er stand nun direkt vor mir und hob sanft mein Kinn an. Die Berührung ging mir wie ein elektrischer Schlag durch Mark und Bein. Doch schliesslich wagte ich es einen kurzen Blick zu riskieren. Das Erste was ich sah, waren seine wunderschönen leicht schimmernden, bernsteinfarbigen Augen. Ich konnte mich ihrem Bann kaum entziehen. So etwas reines und schönes hatte ich noch nie zuvor, in meinen ganzen Leben, gesehen. Erst jetzt bemerkte ich sein gütiges Lächeln und seinen weisen und allwissenden Gesichtsausdruck. Langsam half er mir auf die Beine. Er tunkte dann seinen Daumen in den Bachlauf, machte mir ein Kreuz auf die Stirn und sprach:» Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Willkommen in der Familie Gottes, Fabienne.» Dann lehnte er sich respektvoll vor und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn. Ohne Vorwarnung löste sich die Meditation plötzlich auf. Ich sass noch eine Weile völlig in mich gekehrt auf der Bettkante. Ganz still liefen mir Tränen über die Wangen. Das war der eine entscheidende Moment, der mein Leben für immer verändert. Der Moment, wo ER eines seiner verloren Schafe wieder fand. Der Moment, wo das verlorene Schaf, die Stimme seines Hirten wiedererkannte und ihm gehorsam nachfolgte.

iCH HATTE ÜBERLEBT

Ab dort wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich wünschte mir zu Weihnachten eine McArthur Studienbibel von meiner Mutter – bis heute das beste Geschenk, dass ich je bekommen habe. Tiefen, herzlichen Dank, Mami. Ich liebe dich so sehr. Ich begann dann täglich in der Bibel zu lesen und die Transformation wurde immer deutlicher. Ich kehrte dem Buddhismus endgültig den Rücken zu, suchte mir ein kirchliches Zuhause und liess mich im September 2024, in einem Fluss, Erwachsenentaufen. Im Jahr 2025 kam dann die letzte «Wehe» von meinem noch alten Leben, welches abgestreift werden musste. Nämlich mein beruflicher Werdegang. Im Frühling betete ich zu Gott und ich bekam tatsächlich eine Eingebung. Er meinte, ich solle endlich hinsehen. Ich wusste sehr genau auf was er anspielte. Ich lief dann rüber zum Badezimmer. Mittlerweile waren beinahe vier Jahre vergangen seit meinem letzten, bewussten Blick in den Spiegel. Zögerlich trat ich mir selbst entgegen. Schliesslich stand ich nun ruhig da und starrte mich selbst an. Auf einmal begangen meine letzten, verlorenen Jahre vor meinem geistigen Auge abzulaufen. Im ersten Moment fühlte ich Scham und Ohnmacht über das, was aus mir geworden war. Nämlich ein Niemand und eine absolute Versagerin. Ich begann zu weinen, doch ich nötigte mich diesmal länger und vor allem genauer hinzusehen. Plötzlich wischte ich mir mit einer energischen Handbewegung die Tränen ab. Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte ich blanker Zorn und ich fing an mein Spiegelbild anzuschreien. Nach etwa zwanzig Minuten beruhigte ich mich etwas. Ich drehte den Wasserhahn auf und wusch mein glühend heisses Gesicht unter dem kühlen Nass ab. Als ich dann wieder in den Spiegel blickte, musste ich mit grosser Verwunderung feststellen, dass ich lächelte. Ich hörte in mich hinein und fragte mich, woher das auf einmal kam. Denn ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, wann ich das letzte Mal wirklich gelächelt hatte. Für Schweizer Verhältnisse hatte ich alles gesehen. Von einem Burnout bis zu einer schweren Depression. Von einem toxischen Umfeld bis hin zu einer traumatischen Vergewaltigung. Von einer schweren körperlichen Erkrankung bis zum Verlust meiner Gebärmutter und Eileiter. Von einem beruflichen Stillstand bis zum endgültigen Bankrott. Vom Tod meines geliebten Vaters bis zu meinem eigenen seelischen Tod. Während ich diese Gefühlsregung nüchtern erforschte, kam irgendwann ein Schlüsselgedanke – ich hatte überlebt. Auf einmal sah ich nicht mehr das kleine Häufchen Elend oder das Opfer im Spiegel. Ich sah eine Frau, die das Leben zwar gezeichnet hatte, aber immer noch hier lebendig steht und sogar das erste Mal seit vielen Jahren zufrieden lächelte. Ich wusste das nun die Zeit gekommen war, denn letzten Restmüll von meinem alten Ich zu entsorgen.

Ein neuer Anfang in Christus

Mutig und entschlossen suchte ich mir schliesslich Hilfe bei Freunden, Familie und auch bei Institutionen. Denn ich musste beruflich wieder auf Vordermann kommen. Es konnte nicht ewig so weiter gehen. Nach monatelanger harter Vorbereitung und massiven Einschnitten und Abstrichen, geschah schliesslich das Wunder. Ich wurde offiziell an der Hochschule in Basel angenommen und bin immatrikuliert. Ab September 2026 werde ich Theologie studieren und einen beruflichen, geistlichen Weg einschlagen. Momentan bereite ich mich mit grosser Hingabe auf das Studium vor, womit auch die Idee für meine eigene Webseite entstand. Mit diesem Blog möchte ich euch zeigen, das nichts für Gott unmöglich ist. Das er rettet und euch finden wird. Das er das Licht ist, welches selbst in der tiefsten Dunkelheit leuchtet. Dass er der Quell des lebendigen Wassers ist, der niemals versiegen wird. Das er euch beschützen und führen wird durch den Heiligen Geist. Er ist da und wird euch nie verlassen. Vertraut auf unseren Herren Jesus Christus, meine Brüder und Schwestern. Er ist das Licht, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch ihn. In Jesu Namen, Amen.

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